Funktionelles - Textilfabrik

Im Jahre 1869 gründeten die Brüder Michael Max und Moritz Göritz eine Möbelstoffweberei, die sie im Januar 1870 im Handelsregister eintragen ließen. Die Gebrüder Goeritz OHG war eine der ersten Firmengründungen jüdischer Kaufleute in Chemnitz.

1883 ließen Sie auf dem Grundstück der Beckerstraße 11 uferseitig an der Chemnitz eine 1-geschossige großflächige Sheddachhalle mit Kontorgebäude für die Produktion errichten, sowie eine 2-etagige Villa zur Eigennutzung. Der Weberei waren eine Schmiede mit Kesselraum und Schornstein angeschlossen.

Das Sortiment des Betriebes umfasste vor allem Möbelstoffe, Ripse, Damaste, Plüsche und Diwandecken. Das Unternehmen entwickelte sich sehr schnell und war Anfang der 90er Jahre eines der bedeutensten Möbelstoffwebereien in Deutschland und hatte über die nationalen Grenzen hinaus einen guten Ruf.

Die Fabrikanlage wurde in den darauffolgenden Jahren mehrfach erweitert und umgebaut. Im Jahre 1904 wurde das 4-geschossige Fabrikgebäude in Erweiterung der Produktions- und Lagerfläche erbaut, wobei das Kesselhaus mit Schornstein und der Maschinenraum im Neubau integriert wurden.

1925 wurde aus der Gebrüder Goeritz OHG die Goeritz AG gegründet, die 1939 im Zuge der Arisierung zur GÖMAG Möbelstoffwerke AG umgenannt wurde. Die Familie Goeritz hinterlies sichtbare Spuren in der chemnitzer Industrie- und Kulturlandschaft und zählte zur Jahrhundertwende zu den bedeutensten jüdischen Mitbürgern der Stadt. Sie hatten großen Anteil an der Gründung der Chebrah Kedoscha und dem israleitischen Frauenverein. Die Grabstätten der Familie befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof der Stadt Chemnitz, am Laubengang, Ende der Weststraße.

Gegen Ende des 2.Weltkrieges wurde das Wohnhaus und ein Teil der Fabrik durch Bomben zerstört und danach abgerissen. Erhalten blieb nur der 4-geschossige Fabrikbau mit einem notdürftig errichteten Dach. Die GÖMAG bestand bis 1957 . Dann ging die Möbelstoff- und Plüschweberei aus ihr hervor in der die Produktion bis 1990 aufrecht erhalten wurde. Nach der Privatisierung in der Nachwendezeit wurde der Betrieb vom Rechtsnachfolger Möbelstoffwerke Hohenstein- Ernsthal GmbH in die Liquidation geführt.

Nach der Restitution im Jahre 1998 ging die Immobilie in den Besitz der jüdischen Alteigentümer, den Nachfahren der Brüder Goeritz, über. Im Jahre 2001 erwarb der Privatier Herr Uwe Thuß das Grundstück, auf dem heute mehrere Dienstleistungsbetriebe ansäßig sind. Das Fabrikgebäude ist leerstehend und soll nun zu einer attraktiven Immobilie mit flexibler Nutzung umgestaltet und denkmalgerecht saniert werden.

Das Objekt zählt heute zu einem der vielen stadtgeschichtlichen, baugeschichtlichen, architektonischen, städtebaulichen und industriegeschichtlichen Zeugnissen aus dem einstmaligen »sächsischen Manchester« - wie Chemnitz um die Jahrhundertwende genannt wurde.